Ernährungswende für Freiburg

Bio statt konventioneller Anbau, mehr Gemüse und weniger Fleisch:  So könnte künftig eine klimagerechte Ernährung in Freiburg aussehen, um den CO2 Fußabdruck zu minimieren. Mit einem detaillierten Positionspapier hat sich die Grüne Fraktion im Gemeinderat im Januar 2022 an die Öffentlichkeit gewandt und konkrete Ideen vorgestellt. Wir haben bei unserer Stadträtin Vanessa Carboni nachgehakt.

GIF: Vanessa, du hast als Stadträtin maßgeblich das Positionspapier der grünen Gemeinderatsfraktion zur Ernährungswende in Freiburg vorangebracht. Es ist dein Herzensprojekt und schlägt derzeit hohe Wellen. Um was geht es dir?

Vanessa: Was vielen nicht klar ist: Der Ernährungssektor produziert deutlich mehr Treibhausgase wie etwa CO2 als der Mobilitätssektor. Die Produktion von Nahrungsmitteln verursacht rund 24% der CO2-Emissionen. Transport und Verkehr haben einen Anteil von lediglich 14 %. Bei der Ernährung könnte man also viel mehr Impact bewirken, um CO2 zu reduzieren. Die Ernährungswende ist ein wichtiger Baustein für den Klimaschutz. Genau an diesem Wissen setzen wir jetzt an. Die Infos sind alle da. Es braucht jetzt den ersten Schritt, um sich mit der Umstellung vertraut zu machen.

GIF: Unsere grüne Fraktion hat 5 große Maßnahmen-Schwerpunkte definiert. Vor allem der erste Bereich Schulmensen und Kantinen hat weitreichende Konsequenzen.

Vanessa: Genau. Wir wollen hier 100% bio und regionale Produkte anbieten. Klimafreundliche Speisepläne sind lecker, qualitativ hochwertig und gesund und sie bieten unseren regionalen Landwirt*innen Perspektiven. Wir möchten dadurch Planungssicherheit bieten durch eine stufenweise Entwicklung und ein Festpreisprinzip. Und wir wollen Anreize schaffen, dass unsere Höfe verstärkt auf bio umstellen. Es wird immer attraktiver, biologisch zu produzieren.

GIF: In den Freiburger Schulmensen und Kitas ist – im Vergleich zu städtischen Kantinen und Messen – ausschließlich vegetarisches Essen vorgesehen. Manche sprechen mal wieder von „Öko-Diktatur“. Was sagst du dazu?

Vanessa: Vorneweg:  Jedes Kind darf Fleisch essen, wenn es das will. Es bekommt lediglich kein Fleisch angeboten in einer Freiburger Schulmensa. Das ist unser Vorschlag. Es geht, wenn wir uns das mit größerer Distanz anschauen, einfach um Qualität, Gesundheit, Tierwohl, CO2-Einsparung und auch um die Überlebensfähigkeit unserer Landwirt*innen in der Regio. Vom langsamen Wandel in der Esskultur weg von den Fleischbergen profitieren wir doch alle. Und die Kinder können zuhause weiterhin Fleisch und Wurst essen.

Früher haben übrigens auch sehr viele gegen Sicherheitsgurte in den Autos oder gegen die verkehrsfreien Innenstädte protestiert. Heute ist das alles normal und wir alle freuen uns über mehr Sicherheit und Lebensqualität. Die vielen Vorteile von vegetarischem Essen liegen auf der Hand. Und eine Schule kann hier eine wichtige Vorbildfunktion einnehmen.

GIF: … und also punkten mit gesundem Essen, geringem CO2-Fußabdruck und Unterstützung der lokalen Landwirt*innen…

Vanessa: Richtig. Die Frage ist doch zunächst: Wie setze ich kommunale Haushaltsmittel sinnvoll ein? Und zwar so, damit Kinder ein qualitativ hochwertiges Essen bekommen und damit außerdem auch die Gesellschaft einen Mehrwert davon hat, weil regionale Erzeuger*innen gestärkt werden und schädliche Treibhausgase reduziert werden. Beim Schulessen finde ich sollte die Qualität uns ein ganz besonderes Anliegen sein, gerade wenn es um unsere Kinder geht. Aber das ist im aktuellen System kaum möglich, weil es zu viel Auswahl gibt, man mancherorts einen Tag abbestellen kann, enorm viel Müll anfällt, etc. Das wirkt sich natürlich auf den Preis aus. Wenn man dieses Geld aber in ein kleineres Angebot steckt, kann man dafür mehr Qualität finanzieren. Das ist die Idee. Und die Wettbewerber müssen sich um das Kriterium Qualität streiten und nicht um den Preis, da dieser festgelegt wird.

Mit vegetarischer Ernährung spart man einfach viel CO2 ein. Das ist das eine. Und ich finde, wenn wir als Stadt Steuergelder in die Hand nehmen, um das Schulessen zu verwalten und z.T. quer zu finanzieren, dann muss es auch für alle einen großen Mehrwehrt geben. Für die Kids mehr Qualität, für die Gesellschaft weniger Emissionen. 

Und in den Städtischen Kantinen gibt es ja noch weiterhin Fleisch – aber wenn es nach uns geht eben in BIO Qualität. Ich treffe so viele Menschen, die gerne weniger Fleisch essen, aber dafür ein gutes Stück bevorzugen. Das ist gut für Gesundheit, Klima und auch die Landwirt*innen, die dafür natürlich auch besser entlohnt werden.

GIF: Manche befürchten, Eltern könnten sich Bio-Essen in der Schulmensa nicht leisten für ihre Kinder. Stimmt das?

Vanessa: Nein, diese Angst ist unbegründet. Für Kinder aus Familien, die Sozialleistungen beziehen, ist das Mittagessen auf Antrag kostenlos. Wir wollen über ein Festpreisprinzip sicherstellen, dass das Essen bezahlbar bleibt. Ich bin überzeugt, Dass Eltern sich über mehr Qualität für ihre Kinder beim Essen freuen. Über diesen Link kann man und frau sich weiter informieren: https://www.freiburg.de/pb/231283.html.

GIF: Über Nachfrage kann eine Kommune in bestimmten Bereichen steuernd eingreifen und so zum Klimaschutz beitragen. Kannst du das noch näher erläutern?

Vanessa: Letztlich entscheidet jeder und jede selbst, was sie oder er isst. Aber eine Stadt kann ihren Einfluss nutzen. Sie kann gestalten, wie wir uns ernähren, weil sie als Nachfragemacht – zum Beispiel in Schulkantinen, auf Messen oder Märkten – einen Hebel besitzt und steuern kann. Diesen Hebel wollen wir Grünen nutzen und gute Rahmenbedingungen schaffen. Außerdem wollen wir die Akteur*innen einer Ernährungswende stärker vernetzen und als Stadt ein Vorbild für eine klimagerechte und gesunde Ernährung werden. Es gibt so viele kreative und konstruktive Ideen. Es ist eigentlich leicht sie umzusetzen. Die Hürde ist eher der Bewusstseinswandel hin zu mehr Qualität.

GIF: Das Thema Landwirtschaft polarisiert ungemein. Die Befürchtung, dass konventionell produzierende Landwirt*innen durch die Umstellung auf bio bzw. teilweise fleischloses Essen benachteiligt würden, ist immer wieder zu hören. Was entgegnest du?

Vanessa: Wir Grüne wollen ja gerade die Kleinbauern und regionalen Landwirt*innen schützen. Man sieht doch, dass sie über die konventionelle Massenproduktion nicht erfolgreich werden. Einige wenige industrialisierte Großbetriebe, die unsägliches Tierleid hervorrufen und den Boden und das Grundwasser mit Nitrat belasten, überleben unter den aktuellen Rahmenbedingungen. Die Folgekosten tragen wir demnächst als Gesellschaft. Mir ist wichtig, dass die Landwirt*innen auf den kleinen familiengeführten Höfen gut überleben können. Und zwar ökologisch und ökonomisch! Ökologisch, weil sie natürlich fruchtbare und lebendige Böden brauchen, saubereres Wasser und Insekten, die bestäuben. Aber auch ökonomisch: Denn aktuell fehlt vielen die Perspektive, wie sie von ihrer Arbeit überleben sollen. Da ist auf Bundes- und europäischer Ebene noch einiges zu tun. Ich möchte mit dem Papier den kommunalen Spielraum nutzen und Planungssicherheit für die Landwirt*innen der Region geben. Ökologisch durch BIO und ökonomisch durch verlässliche Absatzmöglichkeiten.

GIF: Warum Bio statt konventionell? In zwei Sätzen…

Vanessa: Bioprodukte verbrauchen 20% weniger Emissionen als konventionell hergestellte Nahrungsprodukte. Diese Tatsache fordert uns alle zum Umdenken auf.

GIF: Die weiteren Punkte unseres grünen Positionspapiers betreffen das Essen auf Messen und Märkten in Freiburg und der Kampf gegen Lebensmittelverschwendung.

Vanessa: Ja, wir regen unter anderem an, dass auf allen Messen und Märkten in Freiburg vegane und vegetarische Alternativen angeboten werden. Und wir möchten mit einer Aufklärungskampagne Müll reduzieren. Auch eine kommunale Verpackungssteuer kann Anreize schaffen.

GIF: Der vierte Punkt fokussiert die Landwirtschaft und regionale Lieferketten. Wie lassen sich Akteur*innen besser vernetzen?

Vanessa: Mit einem städtischen Ernährungsgipfel wollen wir den Austausch fördern. Hierzu müsste die Stadt eine Projektgruppe einrichten, die das in die Hand nimmt und dem Gemeinderat regelmäßig berichtet. Landwirtschaftliche Flächen in kommunaler Hand sollten umweltschonend genutzt werden. Wir erhoffen uns außerdem die Gründung eines House of Food, das eine Art Forum wäre für Fortbildung und Information rund um die Ernährungswende.

GIF: Freiburg als „ess- und trinkbare Stadt“ ist der fünfte und letzte Punkt im Positionspapier. Welche Ideen gibt es dazu?

Vanessa: Nahrungsmittel kann man auch in der Stadt produzieren und damit Bewusstsein für die Produkte schaffen und zudem lange Transportwege vermeiden. Selbst Gemüse anbauen, gärtnern in der Stadt, also urban gardening – das könnte wieder eine städtische Strategie werden. Stichworte wären auch Vertical farming und Aquaponik. Außerdem möchten wir viel mehr öffentliche Trinkwasserstellen einrichten. Hitzetage nehmen immer mehr zu. Kostenloses Leitungswasser – etwa auch in der Gastronomie – spart zudem Verpackungsmüll.

GIF: Wieviel Expert*innenwissen ist in das grüne Positionspapier eingeflossen?

Vanessa: Sehr viel! Ich habe eineinhalb Jahre Gespräche geführt: mit Landwirt*innen, Jurist*innen, Menschen aus der städtischen Verwaltung und Akteur*innen in der Ernährungsszene sowie mit verschiedenen Klimaaktivist*innen. Ich war begeistert, wieviel machbar ist oder auch in anderen Städten – Bremen, Karlsruhe und Tübingen sind uns weit voraus – bereits umgesetzt wird. In Freiburg ist die Bevölkerung zudem sehr aufgeschlossen für all diese Ideen. Hier herrscht ein großes klimasensibles Bewusstsein. Wo wenn nicht in Freiburg können wir die Ernährungswende vorantreiben? Ich möchte gerne, dass Freiburg auch in Zukunft eine lebenswerte und schöne grüne Stadt ist. Dafür müssen wir heute etwas tun.

GIF: Liebe Vanessa, Danke für das Gespräch!

Vanessa Carboni

  • Das gesamte Ernährungswende-Positionspapier der Fraktion von Bündnis 90 / Die Grünen im Freiburger Gemeinderat könnt ihr HIER lesen.
  • Zahlen zu den Emissionen gibt es HIER.

1 Kommentar

  1. Robert Neisen

    Liebe Freundinnen und Freunde,

    wie ich der Fraktion und anderen Grünen bereits ausführlich geschrieben habe, bin ich über das Positionspapier nicht recht glücklich (und einige in der Fraktion waren es ebenfalls nicht). Es gibt gerade in unserer Region mit ihrer – historisch bedingt – eher kleinteiligen Landwirtschaft einige konventionelle Landwirte und Metzger, die durchaus umweltfreundlich produzieren (z.B. Verwendung eigener Futtermittel; Berücksichtigung der Artenvielfalt etc.) und den Vorteil kurzer Anfahrtswege haben. Diese hätte man mit einbeziehen sollen (d.h. Teilnahme am Programm, wenn sie gewisse ökologische und Tierwohlstandards erfüllen). Ebenso halte ich es für übertrieben, ausschließlich noch vegetarische Speisen anzubieten. Das wird nun mal als Bevormundung und Zwangsbeglückung empfunden (und auch ich tue dies). Gerne darf der Anteil vegetarischer Speisen erhöht werden, aber Fleisch in Maßen, regional und nach hohen Qualitätsstandards produziert, sollte nach wie vor angeboten werden.
    Stattdessen will man mit dem Kopf durch die Wand. Dabei hätten die seinerzeitigen Reaktionen auf den Veggieday und der Rückzieher, den die Fraktion bei der Frage der pestizidfreien Landwirtschaft machen musste, eigentlich Warnung genug sein sollen.
    Für mich eine verpasste Chance, Brücken in Milieus zu bauen, die nicht zu unserer Stammwähler*innenschaft gehörten. Wir reden immer davon, dass wir mehr raus aufs Land sollten und die ländliche Bevölkerung für uns gewinnen müssen. So wird das aber in meinen Augen vermutlich nicht klappen.

    Fazit: Unausgewogener, schlecht abgestimmter Schnellschuss, mit den entsprechenden negativen Reaktion der Öffentlichkeit.

    Mein Vorschlag: Einen interfaktionellen Antrag (mit gewissen Zugeständnissen an die Kritiker) unter vorheriger Konsultierung der Verwaltung stellen, denn dort läuft schon vieles in Sachen Ernährungswende.

    Grüne Grüße,
    Robert

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