Chanukka

Chanukka

Chanukka – Das jüdische Lichterfest in Corona-Zeiten

In diesem Jahr fand das jüdische Lichterfest Chanukka zwischen dem 10. und dem 18. Dezember statt. Während für Weihnachten Lockerungen bei den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie angekündigt wurden, galten diese für die Chanukka-Woche noch nicht. Unter diesen Umständen feierten Jüdinnen und Juden in Freiburg ihr Lichterfest. Wir haben uns mit Irina Katz, der Vorsitzenden der Israelitischen Gemeinde Freiburg, und mit unserem Grünen-Mitglied Jonathan Ben-Shlomo unterhalten, der im Präsidium von Makkabi Deutschland aktiv ist. Beide haben uns ihre ganz eigene Verbindung zu Chanukka erklärt.

Worum geht es bei Chanukka?

Irina Katz: Chanukka übersetzt aus dem Hebräischen heißt „Einweihung“. Im jüdischen Jahr 3597 (164 v. Chr.) führten die Seleukiden Krieg gegen das Volk Israel und gewannen diesen zwischenzeitig. Dabei haben sie den zweiten Tempel in Jerusalem geschändet, auch den Leuchter, die Menora. Die Makkabäer, ein jüdischer Stamm, führten daraufhin einen Aufstand gegen die Seleukiden und befreiten den Tempel. Als sie diesen reinigten, haben sie dort nur ein kleines Fläschchen Öl für die Menora gefunden, das höchstens für einen Tag gereicht hätte. Neues koscheres Öl herzustellen dauerte aber deutlich länger. Ein Wunder geschah: Mit Gottes Hilfe brannte das wenige Öl acht Tage, bis neues Öl fertig war. Dieses Wunder feiern wir an Chanukka.

Was bedeutet Chanukka für Sie persönlich?

Irina Katz: Ich bin vor 27 Jahren aus der ehemaligen UdSSR nach Freiburg gekommen. Wie viele Einwanderer hatten wir sehr wenig Ahnung von der Religion und den Traditionen. Feste wie Chanukka und Pessach waren für mich die Entdeckung des Judentums. Chanukka ist für mich ein fröhliches Fest. Doch neben den öffentlichen Veranstaltungen müssen auch jeden Tag in der Synagoge die Kerzen entzündet werden. Das mache meistens ich, sehr oft auch allein. Das macht mir eine besondere Freude, denn dann kann ich mich konzentrieren auf das, was ich empfinde, auf die Geschichte des jüdischen Volkes, auf die Kerzen und auf alles, was damit verbunden ist.

Jonathan Ben-Shlomo: Ich verbinde mit Chanukka vor allem die Makkabi-Bewegung. Die Makkabäer verbindet man durch ihre Rolle in der Chanukka-Geschichte mit Kraft, Widerstand und Mut. Daraus sind dann vor circa 150 Jahren die Makkabi-Verbände und Sportvereine gegründet worden. Mit dem aufkeimenden Antisemitismus im Europa des 19. Jahrhunderts wurde in vielen Sportvereinen eine Judenquote eingeführt oder wurden Juden komplett ausgeschlossen. Als Alternative dazu gab es dann Makkabi. Heute finden alle vier Jahre die Makkabi-Weltspiele in Israel statt und im Zweijahres-Wechsel auch die europäischen Spiele.

Die Maccabiah in Israel ist mit knapp 10.000 Sportlerinnen und Sportlern die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt. Mit 17 Jahren habe ich selbst das erste Mal als Schwimmer teilgenommen, vier Jahre später meine erste Medaille in einer internationalen Mixed-Staffel gewonnen. Inzwischen habe ich fünfmal bei der Maccabiah in Israel als Sportler, Trainer und inzwischen als Vizepräsident Finanzen bei Makkabi Deutschland teilgenommen.

2015 haben wir zum ersten Mal die European Maccabi Games in Deutschland ausgetragen. Das war ein historischer Moment. Auf dem Olympia Gelände, 70 Jahre nach den olympischen Nazi-Spielen, haben wir inmitten der monumentalen Bauten die größte jüdische Nachkriegsveranstaltung mit über 2.000 jüdischen Sportlern aus der ganzen Welt ausgetragen. Das bedeutete für mich sehr viel, weil wir wieder jüdisch-sportliches Leben hier hatten und dazu sehr viele Holocaustüberlebende erstmals wieder auf deutschen Boden zurückgekehrt sind. Das war eine sehr emotionale Veranstaltung auf dem Olympiagelände in Berlin.

Wie feiern Sie Chanukka?

Irina Katz: Jede Feier beginnt in der jüdischen Tradition am Vorabend. Denn in der Tora steht „Und es war Abend und es war Tag“, an diese Reihenfolge halten wir uns. Am Vorabend jedes Chanukka-Tages wird eine weitere Kerze auf der Chanukkia, dem speziellen Chanukka-Leuchter, entzündet. Während die Kerzen brennen, soll man vor dem Leuchter sitzen und das Licht bewundern, denn das Licht von Chanukka darf nicht zu praktischen Dingen verwendet werden. Es ist wichtig die Leuchter öffentlich zu entzünden, um allen zu zeigen, dass ein Wunder geschehen ist. Deshalb kommen auch oft Politiker zur Entzündung der Kerzen. Auch hier in Freiburg haben wir auf dem Platz der Alten Synagoge jeden Abend gemeinsam mit verschiedenen Gästen unsere Chanukkia entzündet und das Chanukka-Wunder gefeiert. Daneben findet Chanukka zum größten Teil in den Familien statt, die zuhause ihre eigenen Leuchter und Traditionen haben. Dort gibt es Gesellschaftsspiele und besondere Gebete und Lieder.

Jonathan Ben-Shlomo: In den letzten Jahren war ich mit der jüdischen Organisation Morasha und circa hundert anderen Juden in Österreich Skifahren. Am Tag haben wir Sport gemacht und abends dann Lichter entzündet. Dazu gab es traditionelle in Öl gebackene Leckereien wie zum Beispiel Berliner. Dies soll an das Öl vom Wunder von Chanukka erinnern. Abends haben wir dann oft verschiedene Themen rund um Chanukka, das Judentum oder Israel diskutiert. In Freiburg gibt es leider kein richtiges jüdisches Leben so wie beispielsweise in Frankfurt. Die Gemeinden hier sind seit Jahren gespalten und jeder macht so ein bisschen was für sich. Früher war das anders. Ich bin in Freiburg groß geworden. Damals waren in der Synagoge viele Kinder, wir haben dort Chanukka gefeiert und es war ein tolles Fest. Das gibt es hier in dieser Form leider nicht mehr und ich würde mir wünschen, dass das wieder anders wird.

Chanukka
Mitwirkende des 5. Chanukka-Abend 2020 (3. von links Irina Katz, 2. von links unsere Bundestagskandidaten Chantal Kopf)

Wie beeinflusste die Corona-Pandemie Ihr Chanukka in diesem Jahr?

Irina Katz: Corona ist für alle ein großes Problem. Wenn Chanukka normal stattgefunden hätte, wäre es ein großes Fest mit Musik, Essen und Trinken – und damit eines der größten und beliebtesten Feste in der Gemeinde, weil an Chanukka ohne große religiöse Einschränkungen wie zum Beispiel am Schabbat oder am Pessach gefeiert werden kann. Weil das gemeinsame Essen dieses Jahr nicht erlaubt war, haben wir das Essen an unsere älteren Gemeindemitglieder ausgefahren, um sie zu unterstützen. Chanukka war dieses Jahr bei uns gleichzeitig mehr und weniger. Wir hatten weniger G-ttesdienste in der Synagoge und weniger gemeinsames Essen und Beisammensein. Dafür waren wir auf dem Platz der Alten Synagoge sehr präsent und haben dort jeden Abend den überdimensionalen Leuchter entzündet, den Oliver und Christina Tibus vom Impulswerk für uns gebaut haben. Jeden Abend kamen immer 60 bis 100 Menschen, auch Vertreterinnen und Vertreter der Politik, der Kirchen, der Zivilgesellschaft und der Polizei entzündeten die Kerzen mit. Mehr als 40 Persönlichkeiten aus diesen Gruppen waren an unserem Leuchter dabei, darunter zum Beispiel auch Ihre Grüne Kreisvorsitzende Chantal Kopf. Wir feierten also ein Wunder im Chanukka-Wunder, nämlich dass wir trotz Pandemie und Lockdown unsere feierlichen G-ttesdienste an allen acht Chanukka Abenden veranstalten konnten.

Jonathan Ben-Shlomo: In Frankfurt gibt es jedes Jahr eine große Makkabi-Chanukka-Gala.  Sie fand dieses Jahr leider nicht statt. Normalerweise ist das ein riesen Chanukka-Fest. Da die Skiausfahrt wegen Corona auch nicht möglich war, bin ich dieses Jahr auf den Platz der alten Synagoge gegangen und habe beim gemeinsamen, öffentlichen Kerzenzünden mitgemacht. Zudem habe ich manchmal zu Hause für mich Kerzen gezündet, aber alleine macht das nicht so viel Spaß. Ich kenne die jüdischen Traditionen und bin damit aufgewachsen. Ich bin allerdings nicht religiös und halte mich auch nicht unbedingt an die religiösen Gebote.

Gibt es Gemeinsamkeiten von Chanukka und Weihnachten?

Irina Katz: Man vergleicht das Chanukka-Fest oft mit Weihnachten in dem Sinne, dass beide Feste Lichterfeste sind. Es ist die dunkle Jahreszeit und manche Menschen bekommen Depressionen wegen dem wenigen Licht. In dieser Zeit wird zusätzliches Licht in das Leben gebracht. Auch die Adventszeit ist verbunden mit Kerzen und Lichtern. Man sagt sogar, dass die Kerzen auf dem Adventskranz aus der jüdischen Tradition übernommen wurden. Der jüdische Kalender ist auf den gregorianischen Kalender abgestimmt, sodass unsere Feiertage zwar immer zwei oder drei Wochen abweichen, aber in derselben Jahreszeit stattfinden. Chanukka zum Beispiel findet immer im Winter in der Nähe von Weihnachten statt. Und auch an Chanukka bekommen Kinder Geschenke. Das Nebeneinander von Chanukka und Weihnachten empfinde ich als bereichernd.

Jonathan Ben-Shlomo: Natürlich gibt es zahlreiche Verbindungen zwischen Chanukka und Weihnachten. Beides sind fröhliche Feste, in beiden spielen Licht und Kerzen eine wichtige Rolle und sie finden beide in der kalten Jahreszeit statt. In der öffentlichen Stellung der beiden Feste gibt es in Deutschland klare Unterschiede.

Würden Sie sich wünschen, dass jüdische Festtage in der Öffentlichkeit präsenter sind?

Irina Katz: Eigentlich finde ich es in Ordnung, wie es momentan ist. Es ist schön, dass es ein Grußwort des Bundespräsidenten zu Chanukka gibt und dass in jeder Stadt die Kerzen öffentlich entzündet werden. Aber es ist schon auffällig, dass man sich in Deutschland nur mit dem Judentum auseinandersetzt, wenn man Gedenkfeiern zum Holocaust macht oder es um Antisemitismus geht. Die jüdischen Gemeinden rücken in das Zentrum der Öffentlichkeit, wenn ein Anschlag passiert ist. Wenn wir eine Presserklärung zu etwas Positivem wie einem Fest herausgeben, wird das nicht so angenommen und kaum veröffentlicht. Da haben wir als jüdische Gemeinde Probleme, mit diesen Dingen wahrgenommen zu werden.

Jonathan Ben-Shlomo: Es ist natürlich so, dass Chanukka in der Freiburger Öffentlichkeit lange nicht so präsent war. Deshalb finde ich es schön, dass der Rabbiner von Chabbad, einer jüdischen Gruppe hier, seit einigen Jahren eine große Chanukkia auf dem Platz der alten Synagoge aufbaut und dann die Lichter dort öffentlich entzündet werden. Dadurch bekommt es die Öffentlichkeit wenigstens ein bisschen mit. Ich würde mir wünschen, dass die Öffentlichkeit insgesamt einfach mehr mitbekommt, dass Juden und Muslime hier in Deutschland leben und eben auch Feste und Traditionen haben. Es wäre doch schön, wenn es auch einen jüdischen oder muslimischen Feiertag in Deutschland gäbe. Auch fände ich es toll, wenn das positive jüdische Leben in der Gesellschaft präsenter wäre. Die meisten Deutschen kennen Juden nur aus dem Geschichtsunterricht oder im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt – beides negative Assoziationen mit dem Judentum. Für mich ist das anders! Ich verbinde mit Israel und dem Judentum Pluralismus, demokratische Werte, Fortschritt und vieles mehr. Es gibt so viele tolle Aspekte, über die kaum jemand etwas weiß. Oder wusstest du, dass Israel pro Kopf die meisten Start-ups weltweit hat? Es gibt viele positive Dinge, die ich viel lieber im Vordergrund sehen würde. Da würde es natürlich helfen, wenn es in der Öffentlichkeit mehr Anknüpfungspunkte an das positive und lebendige Judentum gäbe. In diesem Zusammenhang sehe ich mich als Botschafter zwischen Israel und Deutschland und versuche jeweils das Positive zu vermitteln. So habe ich zum Beispiel ein Uniseminar zwischen der Uni Freiburg und Uni Tel Aviv initiiert.

Jonathan Ben-Shlomo
Jonathan Ben-Shlomo beim Kerzenzünden 2019

Wie können nicht-jüdische Mitmenschen in Freiburg mehr über Feste wie Chanukka oder das jüdische Leben hier vor Ort erfahren?

Irina Katz: Interessierte können sich gerne auf unserer Homepage informieren, uns jederzeit anrufen und zu unseren Veranstaltungen kommen. Wir bieten auch Synagogenführungen für Gruppen an, veranstalten Konzerte oder eine jüdische Kulturwoche. Es gibt auch die Möglichkeit nach Anmeldung am Gottesdienst teilzunehmen, allerdings findet dieser wegen Corona gerade nur samstags statt. Das Gebet beginnt um 9.30 Uhr, aber interessierten Menschen würde ich vorschlagen gegen 10.30 Uhr für eine Stunde vorbeizukommen. Da wird es dann interessant. Männer sollten eine Kippa oder eine Mütze tragen und Frauen darauf achten keine extrem kurzen Röcke anzuziehen.

Jonathan Ben-Shlomo: Makkabi Deutschland steht für eine Verbindung zu Israel, für jüdische Werte und Tradition, aber auch für Integration. Bei Makkabi Frankfurt ist sogar die große Mehrzahl der Mitglieder nicht jüdisch und hier spielen Muslime, Christen und Juden gemeinsam. Uns ist es sehr wichtig offen für alle zu sein. Wir spielen Fußball, schwimmen, treiben Sport, machen aber auch viel Verständigungsarbeit. Die Makkabi-Ortsgruppe in Freiburg ist noch recht klein und noch nicht sehr aktiv, aber ich wünsche mir für die Zukunft, dass sich das ändert.

Die Gespräche führte Moritz Sorg, Mitglied im Redaktionsteam.

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